Alte Dame räumt mit Legenden auf

F1 auf der Nordschleife, 1000km-Rennen oder die historische Nürburgring Südschleife.
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Zeitungsartikel
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Alte Dame räumt mit Legenden auf

Beitrag von Zeitungsartikel » Mo 07.Okt, 2002 17:13

Quelle: Rhein-Zeitung vom 5.10.2002
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Die 80-jährige Gisela Herbstrith, Tochter des Nürburgring-Erbauers Dr. Otto Creutz, genoss eine Runde auf der Norschleife

Am 27. September 1925 wurde der Grundstein zum Nürburgring gelegt. Das war vergangene Woche, 77 Jahre später, Anlass, des Mannes zu gedenken, der mit visionärem Mut und energischer Tatkraft den Bau durchsetzte und damit den Menschen in der Eifel eine bessere wirtschaftliche Perspektive schuf: Dr. Otto Creutz, Landrat des damaligen Kreises Adenau.

Von Luki Scheuer

NÜRBURGRING. Die Geschichte meint es mit denen, die sie schreiben, nicht immer gut. So, ist es auch bei Dr. Otto Creutz, dem "Vater des Nürburgrings". Es gab Zeiten, da wurden die historisch belegbaren Verdienste des letzten Landrates des Kreises Adenau einfach verschwiegen, wurden andere als Nürburgring-Erbauer hochgejubelt, weil Creutz nicht ins Bild der damaligen Machthaber passte, weil er sich den Nazis nicht anpasste.

Der Mann, dem die Eifel so viel verdankt, sollte totgeschwiegen werden. Dass er bei der Bevölkerung dennoch immer in guter Erinnerung war, belegt eine kunstvoll gefertigte Urkunde mit den Unterschriften von 250 Adenauer Bürgern, die ihm bei seinem Abschied nach der Auflösung des Kreises Adenau im Jahr 1932 überreicht wurde.

Und auch die große Anteilnahme der Bevölkerung und die ehrenden Worte, die 1951 bei seiner Beisetzung auf dem Adenauer Friedhof gesprochen wurden, sind Zeichen dafür, dass Dr. Otto Creutz seinen Platz in der Geschichte und in den Herzen hat. Das wurde jetzt mit der Enthüllung einer Gedenktafel an den Nürburgring-Erbauer erneut deutlich. Für diesen Akt hätte sich Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Kafitz kein besseres Datum aussuchen können als den 77. Jahrestag der Grundsteinlegung für die Rennstrecke. Und er hätte keinen besseren, würdigeren und aufgeschlosseneren Ehrengast einladen können als Gisela Herbstrith, geborene Creutz, die Tochter von Dr. Otto Creutz.

Von ihrem 290 Kilometer entfernten Wohnsitz Pforzheim ist die 80-jährige Dame angereist. Im eigenen Auto, bei strömendem Regen und einen Tag vor der Feier zu Ehren ihres Vaters. Sie ist im Traditionshaus "Zum Wilden Schwein" abgestiegen. "Da gingen meine Eltern auch hin und auch in den Eifeler Hof und in den Halben Mond, den gibt es ja nicht mehr. War das ein interessantes Gebäude. Es war ganz selten, dass wir Kinder einmal mitgenommen wurden, heute ist das anders", erzählt sie. Gisela Herbstrith erinnert sich an alles, weiß, wo ihre Volksschule war und das Aufbaugymnasium, in dem sie die Sexta absolvierte, ehe die Familie Ende 1932 nach Berlin zog.

Sie hat alte Renn-Programmhefte, Zeitungsausschnitte und Dokumente mitgebracht. Derer würde es aber nicht bedürfen, denn sie hat die Geschichte der frühen Nürburgring-Jahre im Kopf, mit Namen, Daten und Fakten. Sie erzählt von ihrem Vater und seiner Liebe zur Eifel und "seinem" Nürburgring: "Von 1933 an haben die Nazis alles getan, den Namen meines Vaters aus der Nürburgring-Geschichte zu verbannen. Mein Vater war Mitglied der katholischen Zentrumspartei, er beugte sich nicht der Nazi-Ideologie. Deshalb wurde er schikaniert und verfolgt. Er durfte ja nicht einmal zum Ring kommen. Ich weiß, wie er gelitten hat, wenn er den Reportagen über die großen Rennen am Radio lauschte."

Es fällt der Name Hans Weidenbrück, 1925 Jagdpächter in Nürburg. Von dem gibt es eine Postkarte, die ihn in einem Horch zeigt und deren Unterzeile ihn als "Vater des Nürburgrings" ausweist. Gisela Herbstrith: "Das ist Unsinn. Den Weidenbrück haben die Nazis später aus dem Hut gezaubert. Tatsache ist, dass er 1925 mit Männern aus Adenau und Nürburg zu meinem Vater gekommen ist und angeregt hat, hier oben in der Eifel ein Rennen zu veranstalten. Aber auf vorhandenen, normalen Straßen. Die Idee für eine permanente Rennstrecke hatte mein Vater. Und er war es, der sie in Berlin durchsetzte und damit vorübergehend in der Eifel 3000 Arbeitsplätze schuf. Da spielten auch die Beziehungen eine Rolle, die er sich als Beamter im preußischen Innenministerium geschaffen hatte, bevor er nach Adenau kam."

Mit einer weiteren Legende räumt die Creutz-Tochter ebenfalls resolut auf. "Nach dem zweiten Weltkrieg war häufig zu lesen, Konrad Adenauer habe den Ring gebaut. Das passte dem Bundeskanzler damals zwar schön ins Konzept, ist aber totaler Quatsch. Adenauer war 1925 Oberbürgermeister von Köln. Er hatte ein Rennstreckenprojekt für einen Ovalkurs à la Indianapolis vor den Toren der Stadt in der Planung unterstützt. Aber daraus wurde nichts. Mit dem Nürburgring hatte er nichts zu tun."

Bei der kleinen Feier zur Enthüllung des Gedenksteins für Dr. Otto Creutz erinnern Nürburgring-Chef Dr. Walter Kafitz, Verbandsgemeindebürgermeister Hermann-Josef Romes, Landrat Dr. Jürgen Pföhler und - für den ADAC - Dr. Egon Plümer, ehemaliger Landrat des Kreises Ahrweiler, an den "Vater und Erbauer des Nürburgrings", und sie sagen ihm im Namen der Eifelbevölkerung und der Motorsportler Dank. Gisela Herbstrith hört es gern. Sie kann die Genugtuung darüber, dass ihr Vater und sein Werk anerkannt und gewürdigt werden, heute mehr denn je zuvor, nicht verbergen.

Dann nimmt die 80-Jährige dieses Werk selbst unter die Räder. "Das wird wohl die langsamste Runde aller Zeiten über die Nordschleife", hat sie vor dem Start prophezeit. Denkste! Kafitz, der als Beifahrer im 75-PS-Opel-Corsa sitzt, traut seinen Augen nicht, als er eingangs der "Hatzenbach" zum Tacho blinzelt. Die Nadel steht bei 90 km/h. In flotter Fahrt geht es weiter. Flugplatz, Schwedenkreuz, Fuchsröhre, Adenauer Forst, Metzgesfeld - die Fahrerin kennt die Namen aller Streckenabschnitte und weiß, warum sie so heißen. An der "Hedwigs-Höhe", zwischen den Abschnitten "Hohe Acht" und "Wippermann" fährt sie langsam, denkt an ihre Mutter, nach deren Vornamen, Hedwig, der Streckenteil benannt ist. Beifahrer Kafitz nach der Runde: "Frau Herbstrith hat ganz schön Gas gegeben. Aber schließlich kennt sie die Nordschleife ja auch länger als wir alle."

In der Nürburgring-Erlebniswelt wird für Gisela Herbstrith "ein Traum wahr": Sie steigt in den Mercedes S, mit dem der Remagener Rudolf Caracciola am 19. Juni 1927, einen Tag nach der Eröffnung des "Rings", das erste große Autorennen gewonnen hat.

Gisela Herbstrith fährt zurück nach Pforzheim in der Gewissheit, dass ihr Vater und seine Leistung in der Eifel nicht vergessen sind und mit dem Versprechen: "Ich komme wieder."

Rudi Izdebski
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Beitrag von Rudi Izdebski » Sa 25.Aug, 2012 13:20

Eine wirklich schöne Geschichte.

Kann jemand sagen was daraus geworden ist?

Lebt Gisela Herbstrith noch?

Christian Kautz
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Beitrag von Christian Kautz » Sa 25.Aug, 2012 22:27

Ja wirklich wahr. ich habe den Artikel jetzt zum ersten mal gelesen.

Habe Gisela Herbstrith "gegoogelt". Alles was ich gfunden habe ein Telefonbuch eintrag. Auch bei Wikipedia war nichts.

Rudi Izdebski
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Beitrag von Rudi Izdebski » So 26.Aug, 2012 19:09

Ja, den Telefonbucheintrag hatte ich auch gefunden. Aber anrufen kommt nicht in Frage, denn wenn die gute Frau noch lebt ist sie 90 Jahre alt.

Ich vermute mal, dass es keinen weiteren Besuch am Nürburgring gab.

Trotzdem eine schöne Geschichte, als 80jährige -und mit der Historie- nochmals einen Wagen um den Ring zu steuern. Und woher der Streckenabschnitt "Hedwigs-Höhe" seinen Namen hat wird der, der den Artikel gelesen hat, nicht vergessen.

Rudi Izdebski
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Beitrag von Rudi Izdebski » Mi 15.Jan, 2014 19:04


Ralf Terliesner
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Beitrag von Ralf Terliesner » Do 23.Jan, 2014 23:05

Rudi Izdebski hat geschrieben:Sie lebt noch. :D
Schön zu lesen das sie noch unter uns ist.
Der Burkhard hatte die Dame mal für "Pro Steilstrecke" vor einigen Jahren interviewt. Da gab es eine Menge Info !! Sie wußte wirklich noch viel und kannte sehr viele Details.

Rudi Izdebski
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Beitrag von Rudi Izdebski » Fr 24.Jan, 2014 0:10

Ralf Terliesner hat geschrieben:
Rudi Izdebski hat geschrieben:Sie lebt noch. :D
Schön zu lesen das sie noch unter uns ist.
Der Burkhard hatte die Dame mal für "Pro Steilstrecke" vor einigen Jahren interviewt. Da gab es eine Menge Info !! Sie wußte wirklich noch viel und kannte sehr viele Details.
Hast Du einen direkten Link?

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Beitrag von Ralf Terliesner » So 26.Jan, 2014 13:23

Die Info ist so weit ich weiß in vielen Artikeln eingeflossen. Aber für genauere Info muß ich den Burki mal fragen. Ist auch schon länger her.

Ramon Schmidt
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Geheimnis Nürburgring

Beitrag von Ramon Schmidt » Di 28.Jan, 2014 20:26

Da passt folgender TV-Tipp: "Geheimnis Nürburgring"

"...Gisela Herbstrith, die 91-jährige Tochter des Nürburgringgründers, erinnert sich an die Anfangszeit..."

WDR,
Freitag, 31. Januar 2014, 20.15 - 21.00 Uhr
Samstag, 01. Februar 2014, 12.45 - 13.30 Uhr (Wdh.)

http://www.wdr.de/tv/wdrdok_af/sendungs ... rgring.jsp

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