Bitterböses Petrolbashing - in der Zeit.

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Mike Frison
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Bitterböses Petrolbashing - in der Zeit.

Beitrag von Mike Frison » Mo 29.Jul, 2019 21:31

Als im März die Fridays for Future Bewegung Fahrt aufgenommen hatte, war ja schon zu ahnen, dass für den Rennsport die Einschläge näher kommen.
Bitteschön, auf zeit.de gestern von Jan Freitag - maximal polemisch den Frust von der Seele geschrieben. Man spürt regelrecht, dass sich da was angestaut hat:

Kein Wunder, dass mit RTL damals der dümmste aller Kanäle auf Schumis Schlachtross sprang. Wundersamer ist es hingegen, dass bis heute selbst seriöse Medien von der ARD bis zur Süddeutschen Zeitung mitreiten, anstatt zu fordern, die denkbar größte Sauerei der gesamten Freizeitgeschichte endlich zu verbieten. Und zwar sofort.

Geistig schlichte Mannsbilder wie jene, die geliehene Boliden ungeachtet roter Ampeln und Tempolimits durch belebte Innenstädte jagen, sind ja nichts anderes als Sebastian Vettels in arm, der geliehene Boliden ungeachtet von Erderwärmung und Plastikmeeren über Parcours hetzt – nur, dass der dafür Reichtum, Ruhm, Respekt erntet, statt Schulden, Knast, Verachtung wie seine Karikaturen.

Sind noch ein paar mehr Klopper drin, z.B. die reaktionärste Menschheitsverachtung auf Rädern seit Erfindung des Panzers.
Allerdings weiß ich nicht, wie ein Team pro Rennenveranstaltung auf 1.600 L Spritverbrauch kommen will, die haben doch nur gut 100 L Tankinhalt - naja, Quelle: Focus - vielleicht deswegen.
Natürlich könnte man jetzt argumentativ in die Rolle fallen, dass das doch gar nicht stimmt und überhaupt die Zuschauer bei einem Fußballspiel viel mehr Sprit verbrauchen.
Könnt Ihr vergessen - darum geht es nicht.
Bild
Es geht um den gesellschaftlichen Status des Sports. Die dekadente Zurschaustellung von Vergeudung und Verpestung, die der Sport für Außenstehende (!) darstellt. Egal war Ihr denkt, das ist das Bild, das vermittelt wird. Es geht nicht darum, zu argumentieren - es geht darum, dass die gesellschaftliche Aktzeptanz sowieso nur geliehen war und jetzt bröckelt.
Schumacher hat einen irren Boom ausgelöst, hat auch genau in die Zeit gepasst. Industrielle mussten ihr motorsportliches Hobby nicht mehr verstecken, sondern konnten es mit Sport-Fremden zelebrieren und sich feiern - VIP sei Dank.
Die Zeiten neigen sich dem Ende.
Nicht weil sich irgendetwas am Sport geändert hätte, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verschieben. Hat man die Motorsportler früher machen lassen, so werden sie heute aggressiv geächtet - der Zeit Artikel ist bei aller Polemik ein strammer Schuss vor den Bug. Das muss nicht immer so heftig ablaufen, subtil reicht für manche empfindlichen Gemüter schon. Da stellt sich dann die Frage, ob man vielleicht doch nicht lieber auf den Golfplatz zurückgeht, einfach nur um keine unnötige Angriffsfläche zu bieten. Denn die Industrie ist beim Thema Compliance nervös geworden.
Und so wie der Sport aufgesetzt ist - Heldentaten rausposaunen und Marken zelebrieren - kann man sich nichtmal heimlich seinen Kick holen.
Denken wir ein paar Jahre weiter - mehr Hitze, mehr Flut, mehr Katastrophen - der Motorsport ist im gesellschaftlichen Umfeld nicht mehr zu vertreten.
Und selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt, nicht einmal abgeschwächte Szenarien werden von den Machern des Sports adressiert - sie laufen blind in’s offene Messer.
Das ist für den Sport noch viel schlimmer. Denn statt es sanft abzufangen und sich mit weniger zufrieden zu geben, lässt man die Konfrontation geschehen - und kann daraus nur als Verlierer hervorgehen. Und bitte kommt mir jetzt nicht mit Formel E - die kann ja schlecht den ganzen Sport ersetzen.
Seltsamerweise kann man mit Betroffenen, also Sportlern aus dem Motorsport-Umfeld, kaum sinnvoll über dieses Thema reden. Fühlen sich - von mir! - gleich angegriffen und nehmen die Verteidigungshaltung ein, statt einen Schritt zurückzugehen, um das große Ganze in’s Blickfeld zu rücken. Und damit meine ich den öffentlichen Druck, der nur entstehen kann, wenn man dagegenhält. Und genau das findet zur Zeit statt.
Eine Strategie, die zum Scheitern verurteilt ist.
Und wo wir gerade beim Thema sind - hier ein paar Vokabeln aus einem anderen Artikel:

Rennen … Kräftemessen … gerast … rechts und links überholt … Rennteilnehmer … Teilnehmer des Rennens …

Nein, nicht Formel 1 sondern Unfall auf der A3 mit 4 Verletzten und 20 km Stau.
Hat Jean Todt schon angerufen?
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Michael Franz
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Re: Bitterböses Petrolbashing - in der Zeit.

Beitrag von Michael Franz » Sa 03.Aug, 2019 15:11

Entgegnen wir doch mal Herrn Freitag mit einem Argument, mit dem er garantiert nicht rechnet: RTL als "den dümmste[n] aller Kanäle" zu bezeichnen, ist möglicherweise noch diskutierenswert, was die Entwicklung des Privatfernsehens in Deutschland angeht, aber im Falle des Motorsports ist das Gegenteil der Fall!
Was war vor RTL? Die öffentlich-rechtlichen ignorierten unseren Sport - egal, ob auf vier oder zwei Rädern, obwohl die Zuschauerzahlen vor Ort "echte" sechsstellige Werte erreichten.
Und wenn nicht: Der Eiskunstlaufexperte der ARD interviewte den Doppelweltmeister Dieter Braun, in ridikülster Weise auf dessen Siegermaschine hockend, indem er eine Liste tödlich verunglückter Rennfahrer mit ihm durchgehen wollte. Und ein anderer wollte von Gerhard Berger wissen, was er tue, wenn er denn mal während des Rennens aufs Klo müsse.
Für solch journalistische Sorgfaltspflicht hätte man ganze Jahresbeiträge GEZ einklagen müssen!
Das Beispiel Michael Schumacher ist zunächst einmal ein wunderbares, wahr gewordenes Märchen. In unserem undurchlässigen Schulsystem gelingt einem Kind aus dem "Proletariat" der soziale Aufstieg durch Sport - durch welchen ist dabei völlig egal. Für solch ein Phänomen sollte gerade ein anspruchsvolles Blatt wie die "Zeit" offen sein - noch dazu, wo gerade ein anderes "Proletarierkind" namens Lewis Hamilton seiner "Klasse" gezielt Aufstieg durch Motorsport ermöglichen will. Das wäre tagesaktuelle Berichterstattung, Herr Freitag.

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